Edling – 21 Etappen, tausende Kilometer und von Spanien aus startend einmal quer durch Frankreich: Die diesjährige Tour de France führte Max Kanter von Barcelona bis nach Paris. Dabei zeigte der 28-Jährige von XDS Astana mehrfach seine Qualitäten als Sprinter, mischte bei einigen Etappen um die vorderen Plätze mit und verpasste den Etappensieg einmal nur knapp. 

Einige Wochen später, Anfang September, war Max für einen Check-up und eine Trainingseinheit im Corox-Institut. Daneben nahm er sich die Zeit, die Tour de France noch einmal Revue passieren zu lassen. 

Max, deine erste Tour de France liegt hinter dir. Wie blickst du zurück?

Max: Es war einfach ein Kindheitstraum, der in Erfüllung gegangen ist. Ich habe jahrelang auf das Ziel hingearbeitet. Das erreicht zu haben, ist grandios. Gleichzeitig ist es meine erste Tour de France mit einigen guten Platzierungen gewesen, sodass ich auch für die Zukunft viel Selbstvertrauen mitnehmen konnte. 

Wie würdest du die Tour de France in drei Worten beschreiben?

Max: Hart. Atmosphäre. Und gelbes Trikot. 

Würdest du sagen, die Tour de France ist physisch oder psychisch härter?

Max: Es ist auf jeden Fall wichtig, sich seine Momente nach den Etappen zu nehmen. Beispielsweise auf dem Massagetisch einfach auch mal über andere Themen zu reden. Radsport ist in diesen drei Wochen natürlich omnipräsent, da muss man nachmittags auch mal einen gewissen Abstand finden und auf andere Gedanken kommen. 

Ist dir das leichtgefallen?

Max: Dadurch, dass ich gewissermaßen wusste, was auf mich zukommt mit drei Wochen Rundfahrt, konnte ich das eigentlich ganz gut händeln und hatte zum Glück auch eine gute Unterstützung vom gesamten Team. Das Team hat ein gewisses Gefühl für uns Sportler und versucht, uns so viel wie möglich abzunehmen. Das hilft immens. 

Max Kanter über die Tour de France

Wie standen im Vorfeld für dich die Chancen, die Tour de France zu fahren?

Max Kanter: Ich hatte mein Rennprogramm im Winter bekommen und darin war der Plan auf die Tour de France ausgelegt. Im Frühjahr bin ich dann schwer gestürzt und konnte drei Wochen lang nicht richtig trainieren. Corox hat mir extrem geholfen, wieder schnell in Fahrt zu kommen. Ohne Hansi wäre ich sehr wahrscheinlich nicht zur Tour de France gefahren. Ich bin sehr dankbar, dass ich Corox an meiner Seite habe.

Welche Ziele hast du?

Flo: Das darf man nicht sagen, denn, wenn es nicht klappt, bist du der Depp vom Dienst (lacht). Nein, Spaß beiseite. Also, ich würde schon gerne in die Richtung einer Zeit von neun Stunden gehen. Wenn du das als Amateur schaffst, bist du schon gut unterwegs. Und diesmal kann mich nichts mehr schocken. Ob Wind oder Hitze oder die steigende Luftfeuchtigkeit, ich bin darauf vorbereitet. Und ich liebe es. 

Die Tour de France dauert drei Wochen. Du fährst jeden Tag eine Etappe, musst abliefern. Besitzt man da ein Zeitempfinden?

Max Kanter: Tatsächlich will man gar nicht so ein großes Zeitempfinden dafür haben (lacht). Gleichzeitig habe ich aber auch bewusst versucht, so viel wie möglich zu genießen. Ich wollte später nicht zurückblicken und sagen, dass ich das gar nicht richtig genießen konnte. Natürlich waren aber auch viele harte und anstrengende Momente dabei. Aber auch das habe ich versucht, bewusst wahrzunehmen. 

Wann zum Beispiel?

Max Kanter: Alpe d’Huez war mit mehr als 5.500 Höhenmetern brutal schwer für mich als Sprinter. Aber irgendwie konnte ich das trotzdem genießen. Dieses Feeling, diese Momente bleiben für das gesamte Leben.  

Mehr als 5.500 Höhenmeter klingen enorm. Wie ging es dir dabei?

Max Kanter: Es war die vorletzte Etappe. Ich hatte ein bisschen Muffensausen, einfach, weil der Respekt da war: Ich wusste, ich muss den ganzen Tag mehr oder weniger am Limit fahren, um in der Zielzeit anzukommen. Ich wollte den Tag so gut wie möglich meistern und am besten noch ein paar Körner sparen, um in Paris am kommenden Tag sprinten zu können. Dann geht es in den ersten Berg rein, du bist oben ankommen, hast 1.500 Höhenmeter in den Beinen und musst noch weitere 4.000 fahren. Das war mental eine große Herausforderung. In den vergangenen zwei Jahren habe ich in dem mentalen Bereich große Schritte gemacht. Es wird teils unterschätzt, wie viel das ausmacht. Der Kopf spielt bei uns Sportlern eine wichtige Rolle. Wenn man am Limit ist, hängt es teilweise gar nicht von der physischen Leistung ab, sondern vom Kopf und wie sehr man es in dem Moment auch will. 

Welche Etappe ist dir davon abgesehen besonders im Gedächtnis geblieben?

Max Kanter: Definitiv Paris. Wie oft im Leben kriegt man die Chance, mitten in Paris ein Radrennen fahren zu dürfen? Man konnte es in den TV-Bildern sehen: Die Kulisse von Montmartre war einfach atemberaubend. Als wir das erste Mal dort hochgefahren sind, hatte ich Gänsehaut und war trotzdem voll fokussiert. Das war ein sehr schöner Moment in meiner bisherigen Karriere. 

Und gleichzeitig eine gute Platzierung. 

Max Kanter: Stimmt, das kam natürlich noch obendrauf. Wobei ich im ersten Moment auch ein kleines bisschen enttäuscht war, weil ein vierter Platz immer ein bisschen undankbar ist. Man träumt dann doch vom Etappensieg und dafür hat es in diesem Jahr leider nicht ganz gereicht. Im Großen und Ganzen bin ich aber schon zufrieden mit meiner ersten Tour de France. 

Und wer weiß, was die Zukunft noch bringt, oder?

Max Kanter: Ganz genau. 

Welche Ziele verfolgst du?

Max Kanter: Dieses Mal war ich mehrmals in den Top 5 und bin einmal knapp am Etappensieg vorbeigeschrammt. Ich kann mit einem gesunden Selbstbewusstsein sagen, dass es möglich ist, eine Tour-de-France-Etappe zu gewinnen. Ich bin mir aber auch bewusst, dass dann an dem Tag alles zusammenkommen muss. 

Wie legt man nach so einem Saisonhighlight den Schalter wieder um?

Max Kanter: Letztlich versuche ich mir immer zu sagen: ‚Man ist nur so gut wie sein letztes Rennen.‘ Und das stimmt auch. Natürlich gibt es jetzt noch ein paar Rennen dieses Jahr, in denen ich auch noch einmal Leistung zeigen möchte. Nach der Tour de France bin ich etwas angeschlagen gewesen, deshalb hatte ich jetzt eine längere Trainingsphase. Ich fühle mich wieder gut vorbereitet für das, was noch ansteht. Am 20. Oktober beginnt dann die Offseason. 

Wie lange hast du Pause?

Max Kanter: Ich versuche mittlerweile immer etwa drei Wochen das Rad komplett stehen zu lassen, mich trotzdem körperlich zu bewegen aber im Rahmen anderer Aktivitäten, die mir auch extrem viel Spaß machen. Abstand vom Radsport zu gewinnen, ist dann auch einmal extrem wichtig. Wir sind das ganze Jahr mehr oder weniger viel unterwegs. Ich freue mich darauf, in der Offseason die Zeit mit meinen Liebsten zu genießen.

Interview und Foto: Michelle Brey